Mittwoch, 4. August 2010

Die Gewissheit des Ungewissen – oder: Warum befriedigen mich keine Liebesfilme?

Warum können mich Liebesfilme nicht befriedigen? Oder sollte ich nur fragen: Warum befriedigen mich keine Liebesfilme? Liegt es daran, dass etwas mit mir nicht stimmt? Weil ich nicht darauf hereinfalle, was Hollywood und Konsorten uns suggerieren möchte? Oder bin ich doch ein Quäntchen schlauer als der Durchschnitt und bin schon längst dahinter gekommen? Und das eher reichlich zu spät. Naja, wie sagt man, besser spät als nie. So musste ich erkennen, dass jede Kino-Romanze mindestens so realistisch ist, wie wenn der Papst eigenhändig Kondome in Afrika verteilen und nebenbei eine Petition für die Homo-Ehe unterschreiben würde.
Sind wir doch mal ehrlich, was möchte Hollywood von uns? Oder: was wollen wir vom Kino? Was für eine Erwartungshaltung haben wir? Ich habe jedenfalls für mich festgestellt, dass mich keine Schnulze glücklich macht. Vor allem Gay-Movies. Die fahren eine extra Schiene. Nein, nicht wegen dem homophilen Inhalt, sondern da sie den Durchschnitts-Homo mehr deprimieren als jeder Heten-Streifen, was beim letzteren an der fehlenden Empathie liegen mag. Jedenfalls deprimieren sie. Denn es gibt nur drei Arten, wie eine Schwulen-Romanze enden kann:
  • Das Happyend
  • Das Nicht-Happyend
  • Das Open End
Habt ihr jetzt mehr erwartet? Ihr fragt euch jetzt bestimmt, »wo ist denn da der Unterschied zu Heten-Schnulzen?« Vielleicht gibt es ja auch keinen, dann wäre es bei den Heten auch nicht anders. Aber am Ende steht nur die Enttäuschung! Ja, so ist es leider.
Man kommt aus einem Film und ist einfach nur emotional ergriffen und gerührt. Aber wenn man mal genauer darüber nachdenkt, weiß man, man wurde fett beschissen. Und fühlt sich betrogen. Nehmen wir das ganze mal näher unter die Lupe:

Das »Happyend«.
Der Hauptdarsteller lernt den Mann fürs Leben kennen oder ist schon seit seiner Teenager-Zeit in ihn verknallt. Wie dem auch sei, nach langem Kampf, ewigen hin und her, bekommen sie sich am Ende doch. Obwohl keiner mehr damit gerechnet hatte, da der Protagonist immer wieder enttäuscht wurde. Aber am Ende siegt die Liebe. Und sie werden Glücklich. Schön! Oder?
Was für ein Bullshit. Wem passiert das schon im wahren Leben? Ich mag mich jetzt vielleicht verbittert anhören, aber wenn wir mal ehrlich sind, dann scheitert es doch meistens lange bevor der Kampf richtig losgeht. Es gibt kein »Happyend«, aber man wünscht es sich so sehr. Dann sieht man es und es ist einfach nur realitätsfern. Es verstimmt einen, weil man weiß, dass so etwas nie jemanden im Alltag widerfahren wird.
Ergo: ein Liebesfilm mit »Happyend« kann mich nicht befriedigen. Er deprimiert mich als Single-Homo, weil er mir vorzeigt, was man haben kann, wenn einem das Glück gut gestellt ist und die Liebe richtig läuft.
Man freut sich also für den Protagonisten – Anmerkung am Rande: als Betrachter versetzt man sich in einer Durchschnittsromanze in die Rolle des Protagonisten und durchlebt seine Gefühlswelt... – also wie gesagt, man freut sich am Ende für den Protagonisten, nicht nur weil man ihn emotional auf den Weg dahin begleitet hat, sonder weil man jedem ein »Happyend« wünscht – sich eingeschlossen.
Eine Zigarette nach dem Film später kommt die Ernüchterung: Man merkt, dass man selbst nie ein »Happyend« bekommen wird. Vielleicht auch deswegen, weil man für sich selbst die Hoffnung darauf schon lange aufgegeben hat.

Kommen wir zum »Nicht-Happyend«.
Es ist dem Namen nach ein »Anti-Happyend«. Der Protagonist läuft den ganzen Film über seiner großen Liebe hinterher und wird am Ende enttäuscht. Entweder, weil die Liebe des Lebens sich seine wahren Gefühle nicht eingesteht, es nicht der Richtige ist oder – ganz dramatisch eben aus Gaywonderland – die bessere Hälfte frühzeitig das Zeitliche segnet, nachdem beiden klar geworden ist, dass sie den Rest ihres Lebens miteinander verbringen wollen. Oder ganz schlicht und einfach und auch am realistischsten: Äußere Umstände – sprich: gesellschaftliche Konventionen – zwingen die Liebenden zu der tragischen Entscheidung, dass ihre Liebe nicht mehr bestehen kann. Wie gesagt, es ist tragisch.
Ich komme aus dem Kino und könnte heulen, weil der Protagonist nicht das bekommen hat, was er so begehrt hatte. Nach einer Zigarette könnte ich kotzen, weil mich der Film in die Realität zurückreißt und mit klar wird, dass es eben ganz genau so läuft: Als schwuler Single-Mann kann man nur enttäuscht werden, sobald man denkt, das wahre Glück gefunden zu haben. Der Kampf ist nicht leicht, war es nie und wird auch nicht leichter werden. Vor allem, wenn man schwul ist. Okay ich gebe zu, ich bediene Klischees, aber es steckt ja immer ein Fünkchen Wahrheit in ihnen.
Und so befriedigen mich Liebesfilme mit »Nicht-Happyend« auch nicht, da sie mir schmerzhaft und meistens höchst theatralisch in queer-Manier aufzeigen, wie die Durchschnitts-Liebe verläuft. Ich sehe mein Leben darin gespiegelt. Okay, zugegeben, vielleicht nur Bruchstücke daraus. Und weder das eine, noch das andere möchte ich dann noch auf der Leinwand sehen.
Im Gegensatz zu dem realitätsfernen »Happyend« ist mir das »Nicht-Happyend« zu realistisch. Der Film deprimiert mich als Single-Homo, weil er mir aufzeigt, wie schwierig das Leben nun mal läuft, wenn einem das Glück in der Liebe versagt bleibt und man am Ende alleine zurückbleibt. Man hat für sich selbst einfach schon zu viele »Nicht-Happyends« durchlebt und man gibt die Hoffnung nicht auf, dass es beim nächsten mal anders abläuft.

Und dann bleibt uns nur noch das »Open End«.
Wie der Name schon sagt, bleibt eben dieses ersehnte Ende einfach offen. Man weiß entweder nicht, ob der Protagonist die Liebe seines Lebens am Ende bekommt oder ob das Paar sich doch noch für eine Beziehung entscheidet, nachdem sie sich endlich in den Armen liegen. Das Einzige, was uns als Betrachter bleibt, nachdem wir den Kinosaal verlassen haben, ist die Gewissheit des Ungewissen. Und diese Unwissenheit, die mir am Ende bleibt, befriedigt mich kein Stück.
Also können Liebesfilme mit »Open End« mich als Single-Homo doch nur deprimieren, da er mir nichts zeigt. Er gibt mir keine Richtung vor, denn alles bleibt ja offen. Der Film fordert sogar von mir, dass ich ihn in meinen Gedanken fortsetze und beende. Aber vermag ich die nötige Kraft dazu zu haben, dem Film ein »Happyend« oder ein »Nicht-Happyend« zu verpassen? Ich denke nicht. Aber trotzdem verlangt das »Open End« eine solche Perversion in meinem Hirn zu vollenden, obwohl der Film selbst nicht im Stande war, diese Entscheidung zu fällen. Das kann einfach nur deprimieren, denn eine Zigarette später hat man immer noch kein passendes Ende gefunden, mit dem man wirklich leben könnte. Es ist wie im realen Leben, alles bleibt offen.

Wer weiß denn schon, was der nächste Tag bringt? Wer oder was wird mich glücklich machen? Wer oder was wird mich befriedigen? Hollywood-Romanzen auf der Kino-Leinwand ganz sicher nicht. Auch wenn ich mich immer frage, welche Intention dahinter stecken mag. Wollen sie nur die Zuschauer ablenken oder verunsichern? Wollen sie das Leben wiedergeben oder bieten sie eine infantile Schnelllösungen für reale Konflikte? Vielleicht habe ich zu viele Erwartungen und zu hohe Ansprüche. Aber ich habe noch nicht die Hoffnung aufgegeben, dass es nicht doch noch ein alternatives Ende gibt, das meinen Ansprüchen und Erwartungen gerecht wird. Oder sollte ich als logische Konsequenz daraus einfach keine Liebesfilme mehr schauen?

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