Dienstag, 21. September 2010, 23.44 Uhr
Wie bei meinem letzten Vollmondeintrag »Alle 28 Tage…« schon angedeutet, gibt es Dinge, die einen wahnsinnig machen wie zum Beispiel ungeschehene Taten oder Ungesagtes. Sprich: Wenn sich beispielsweise eine nahe stehende Person oder besser ein Mann wochenlang nicht bei einem meldet. Warum? Woran liegt es, dass man sich nicht rührt und ein Lebenszeichen von sich geben kann? Ich weiß, es gibt Tage, da geht alles drunter und drüber, aber ich finde, man kann sich immer drei Minuten Zeit nehmen und ein Lebenszeichen von sich geben. Das ist das Mindeste. Auch wenn es nur eine SMS mit den vier kleinen Worten »Ich denke an dich« oder Ähnliches wäre. Mehr braucht man nicht, um zu wissen, dass es da jemanden gibt. Der Mensch hat Bedürfnisse. Und davon reichlich. Diese wollen auch befriedigt werden.
Aufmerksamkeit ist eine davon. Deswegen zählt jede Aufmerksamkeit, die einem geschenkt wird. Sie lässt einen für einen kurzen Moment erstrahlen.
Aber warum fällt es uns dann so schwer, die Bedürfnisse Anderer zu stillen? Vielleicht, weil man zu sehr damit beschäftigt ist, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen? Ist es wie eine Sucht? Nur mit anderen Drogen? Ist es das? Oder wissen wir einfach nicht, was der Andere gerade braucht? Was wir selbst gerade brauchen?
Dabei macht es einen wahnsinnig, den ganzen Tag über aufs Handy zu schauen, ob endlich die lang ersehnte SMS angekommen ist. Oder darauf zu warten, dass das Telefon endlich klingelt. Nichts! Das geht Tage, das geht Wochen, vielleicht auch Monate. Und immer noch nichts. Die Enttäuschung wächst, während die Erwartung schrumpft. Wäre der Stolz nicht so groß, dann würden wir uns wenigstens melden. Aber warum sollte man sich bei jemand melden, der einen scheinbar vergessen hat? Oder denkt der Andere gerade das Gleiche? Wir wissen es nicht.
Letztendlich meldet man sich doch und im schlimmsten Fall merkt man, dass die Freude nicht wirklich erwidert wird. Die Zurückweisung ermahnt uns in der Zukunft auf seinen Stolz zu hören. Trotzdem wünschen wir uns nichts anderes, als dass die Person sich von sich aus bei einem meldet, obwohl man mittlerweile weiß, dass das nicht passieren wird. Sind wir Masochisten? Oder ist es die Sucht nach einer kleinen Dosis Aufmerksamkeit, um dieses Bedürfnis zu stillen, die uns so handeln lässt?
Man könnte diese Situation einfach aufklären, indem man der anderen Person mitteilt, was einen bedrückt, welche Wünsche und Bedürfnisse man hat und wie diese gestillt werden können.
Aber man tut es ja doch nicht. Man würde nicht zugeben, dass man abhängig ist, dass man einer Sucht verfallen ist, von der man ohne Schmerzen nicht mehr loskommt. Man offenbart nicht seine Gefühle, noch weniger spricht man darüber. Ebenso wenig wie sein Gegenüber es tut.
Aber warum fällt es uns so schwer, über Gefühle zu sprechen? Oder vielleicht noch schwerer Emotionen zu zeigen? Woran liegt es? Dabei fällt es uns doch so leicht, die falschen Gefühle zu zeigen. Es ist zum Beispiel ziemlich leicht, Männern zu suggerieren, dass man sie begehrt, obwohl man sie nur benutzt, sie anlügt, um sie ins Bett zu bekommen. Schwerer fällt es einem, dem Mann, der einen abweist, mitzuteilen, dass man begehrt werden möchte.
Uns fällt es vergleichsweise leicht sie anzulügen, obwohl die Männer Recht haben, wenn sie fragen, ob sie einen kleinen Penis haben. Aber warum fällt es uns dann so schwer, jemanden zu gestehen, dass man ihn mag und wann hört man endlich auf ihn zu verletzen, indem man das Gegenteil behauptet? Warum kann man dem Mann, der nur Sex von einem will, nicht sagen, dass der Sex allein nicht reicht und man auch gerne mal von ihm in den Arm genommen werden möchte, wenn man ihn braucht? Aber warum fällt es uns so leicht, nicht auf den Sex verzichten zu wollen?
Nicht weil wir feige sind, handeln wir so, sondern, weil wir unsere Bedürfnisse befriedigen wollen. Leider bleibt dabei Einiges auf der Strecke. Man kann eben nicht alles haben. Man kann es nicht jedem Recht machen. Sich selbst eingeschlossen.
Erst kommt das Fressen, dann die Moral.
Deswegen spricht man wohl nicht über seine Gefühle oder zeigt sie gar, wenn man dann dadurch seine Bedürfnisse untergraben würde. Erst wenn alle Bedürfnisse gestillt sind und es uns annähernd gut geht, dann können wir uns hinterher Gedanken darüber machen, ob Geschehenes richtig oder falsch war. Doch meist scheitern wir schon vorher beim Fressen. Denn wir werden niemals wirklich satt. Wir haben zu viel Angst, dass unsere Bedürfnisse nicht mehr gestillt werden, wenn alles gesagt ist, alles getan ist. Warum sein wahres Gesicht zeigen, wenn man so doch leichter ans Fressen kommt? Warum das Risiko eines Entzuges auf sich nehmen?
Keiner kann es uns Recht machen, ebenso wenig wie wir es können. Somit bleiben Dinge ungeschehen, Worte ungesagt. Der Wahnsinn bleibt. Der brainfuck kommt. Er bleibt. Die ungestillten Bedürfnisse bleiben. Werden auch vielleicht in Zukunft nie wirklich gestillt, sondern nur von anderen Bedürfnissen oder Sehnsüchten überlagert, die schwerer wiegen. Was einem bleibt, ist ein gebrochenes Selbst, neugeboren aus den verlorenen Erwartungshaltungen, die man einst hatte und der wachsenden Enttäuschung. Wie kommt man los von dieser Droge der Selbstvernichtung, die sich Leben schimpft?
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